Gefährten Belegaers
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Die Fragmente Rhovanions - i otsea nulda parma or tana nolwe ye tindómerel

Valimaro
(@valimaro)
Verwandter der Gefährten

Kapitel I - Der Prolog

 

Schnell schritt er den schmalen Pfad entlang und versuchte, den kurz einfallenden Strahlen des Sonnenlichts auszuweichen, die manchmal durch das dichte Blätterdicht des Waldes hindurch drangen. Sein Antlitz verbarg er unter einem schwarzen Gewandt, um seine Gestalt vor anderen Reisenden zu verbergen – wie immer.

In der Hoffnung, sein Ziel möglichst unauffällig zu erreichen, bemühte er sich, in den Schatten der langen Bäume zu wandeln. Die Sonne stand schon tief am Horizont, als er sich aufmerksam in alle Richtungen umblickte. Doch der Fremde hatte Glück, denn er war das einzige Geschöpf hier weit und breit.

Der schmale Weg, auf dem er sich befand, war an beiden Seiten gesäumt von hohen Bäumen, deren Blätterdächer die Aussicht in den Himmel fast vollständig abschirmten und nur gelegentlich das Sonnenlicht hindurch ließen.

Es gab keine Geräuschkulisse, auch der Wind war hier nicht zu hören. Auf diesem Pfad herrschte eine unnatürliche Stille zwischen den Wegrändern zu beiden Seiten und dem unbekannten Wanderer, der einsam auf einem ihm fremden Pfad wandelte.

Der Namenlose, denn er gab sich keinen Namen, interessierte sich nicht für die umliegende Natur des Waldes, stattdessen kreisten seine Gedanken einzig und allein um den verheißungsvollen Ort, den er gleich betreten sollte.

So lange schon hatte er auf diese Begegnung hingearbeitet, so viel Zeit hatte er auf der Suche nach ihm verbracht. Nun würde sich seine lange Reise endlich auszahlen. Er malte sich aus, was passieren könnte, wenn die Geschichte tatsächlich wahr wäre?

Könnte es möglich sein? Doch er zweifelte daran und er wollte es auch nicht wahrhaben.

Denn der Namenlose irrte sich nie und sein Verstand war auch noch nie geblendet worden, von keinem Wesen Mittelerdes, auf das er bisher in diesem Leben gestoßen war.

Aber war es diesmal anders? Die Wahrheit würde sich schon bald offenbaren, das ahnte er. Getrieben von dem Verlangen, seine Suche endlich beenden zu können, beschleunigte er seine Schritte und zog sich die dunkle Kapuze seines Mantels enger in sein Gesicht, um dieses zu verbergen.

Der Weg führte nun bergab und am Fuße eines kleinen Hügels konnte er ein einsames, recht verfallenes Haus erkennen, das für das ungeübte Auge eines Menschen wohl verlassen wirkte, doch nicht für ihn. Er wusste es besser.

Nochmals drehte er sich in alle Richtungen, ob ihn auch niemand beobachtete, er musste jetzt ganz sicher sein. Für ihn war es zu gefährlich, hier gesehen zu werden, er durfte so kurz vor dem Ende keine Fehler mehr machen, nicht so nah vor seinem Ziel.

Das Haus sah genauso aus, wie es ihm der Alte vor einiger Zeit beschrieben hatte.

Mit schnellen Schritten erreichte der unbekannte Wanderer die Schwelle der Haustür und hielt dann inne.

Ein falsches Lächeln huschte unter seiner falschen Kapuze über sein falsches Gesicht.

Er irrte sich nie, es war der richtige Ort und die richtige Zeit, die Reise nun endlich hier zu beenden.

Langsam hob er seinen rechten Arm und klopfte dreimal laut und kräftig gegen die Holztür. Dann kam das Warten.

Einen Herzschlag, einen weiteren und schließlich öffnete sich die Tür vor ihm.

 

Ende Kapitel I

Zitat
Themenstarter Veröffentlicht : 11/04/2021 12:06 pm
Valimaro
(@valimaro)
Verwandter der Gefährten

Kapitel II - Die Rückkehr

 

Langsam schritt Valkas den langen Pfad entlang, den sie bisher nur einmal zusammen vor so langer Zeit geritten waren. Seine schwarze Mähne glänzte, sobald die Sonnenstrahlen Reiter und Ross beschienen, was nun häufiger vorkam, denn die Bäume standen nicht mehr so dicht wie noch vor etlichen Stunden und ließen das Tageslicht nun deutlicher durch ihre Kronen hindurch schimmern.

Der Elb auf Valkas war groß und mächtig wirkte seine Rüstung, die von vielen Kämpfen und Jahren des Gebrauchs gezeichnet war.

Sein langes, schwarzes Haar fiel ungepflegt nach hinten über und er hatte sich diesmal keine Mühe damit gegeben, es zusammen zu binden, was unüblich für ihn war.

Die dunkelgrünen Augen des Elben suchten aufmerksam zwischen den Bäumen nach Spähern seines Volkes und mit seinen Ohren versuchte er, mögliche Geräusche zu erhaschen, um vorgewarnt zu sein.

Seine Sinne verrieten dem Reiter, dass sie nun bald am Ziel angekommen waren und bereits seit einiger Zeit von neugierigen Augen beobachtet wurden.

Mit einer sanften Berührung seiner Hand und einem flüsternden Wort in Sindarin gebot der Reiter, seinem Pferd stehen zu bleiben.

Langsam schwang er sich von Valkas ab und nahm dabei die Zügel in die linke Hand, um den Hengst das letzte Stück des Weges zu Fuß führen zu können. Nach wenigen Schritten hörte der Elb die Sehnen von Bögen, die gespannt und Pfeile, die aus Köchern gezogen und angelegt wurden.

In einer abwehrenden Geste hob der Reiter beide Arme und sprach dabei folgende Worte in Sindarin:

Ich bin Valimaro, Sohn dieses Waldes und fordere Einlass in das Waldlandreich von König Thranduil, um meine Ehre wiederherzustellen. Schickt nach Fürst Garadal und lasst ihn wissen, dass ich in meine Heimat zurückkehren will.“

Nach einem kurzen Moment des Wartens traten vier Waldelben mit gespannten Bögen aus den Bäumen, je einer aus jeder Himmelsrichtung, auf die kleine Lichtung und schritten zögernd auf Valimaro und Valkas zu.

Dann sprach einer von ihnen:

Wir kennen keinen Valimaro vom Großen Grünwald! Doch sprecht rasch, bevor wir eurer angeblichen Heimkehr ein schnelles und trauriges Ende bereiten werden, woher kennt ihr den Namen Garadal?“

Der wortführende Waldelb senkte merklich seinen Bogen und blickte Valimaro finster an.

Dieser hielt dem Blick stand und entgegnete:

Garadal hat mich ausgebildet, er ist der Fürst der Waldlandgarde vom Nachtwald, er wird nicht erfreut sein, wenn ihr seinen einstigen Ziehsohn aus Unwissenheit und falschem Eifer heraus erschießt.“

Auf diese trotzigen Worte hin begannen die Waldelben, laut aufzulachen und senkten für einen Moment die Bögen zu Boden. Diesen Augenblick nutzte Valimaro, um in einer raschen Bewegung plötzlich mit gezücktem Dolch vor dem wortführenden Waldelben zu stehen, so dicht, dass beide das Grün in den Augen des jeweils anderen in allen Farbnuancen deutlich erkennen konnten.

Mit dem Dolch an der Kehle des Waldelben sprach Valimaro mit einer tiefen und festen Stimme, die jedem anwesenden Elben auf der kleinen Lichtung nicht im Geringsten an der Wahrhaftigkeit der folgenden Worte zweifeln ließ:

Meine Reise war lang und beschwerlich und ich habe diesen langen Heimweg nicht auf mich genommen, um kurz vor meinem Zuhause euer Blut oder das meinige zu vergießen, Nandor. Schickt nach Garadal und zwar sofort.“

Mit einem kurzen und vorsichtigen Nicken gab der Waldelb vor Valimaro den anderen Bogenschützen auf der Lichtung zu verstehen, dass einer von ihnen nun Garadal holen solle und sofort ließ der Waldelb auf Valkas rechten Seite seinen Bogen fallen und lief das letzte Stück des Weges in den Wald, während die anderen zwei Elben wie angewurzelt an Ort und Stelle stehen blieben und ihre Bogen senkten.

Erst jetzt nahm Valimaro seinen Dolch herunter und schritt zu seinem Pferd Valkas hinüber, nicht ohne die Waldelben dabei auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen.

Keine weiteren Worte oder Gesten wurden mehr zwischen den Elben ausgetauscht, bis nach einer geraumen Zeit plötzlich viele Stimmen aus dem Waldstück zu Valkas Rechten zu hören waren.

Ungeduldig und mit ernster Miene blickte Valimaro in die Richtung des Stimmengewirrs, denn die Worte, die dort in Sindarin miteinander gewechselt wurden, klangen alles andere als freundlich.

Langsam drehte sich Valimaro zu seinem Pferd und wickelte sich die Zügel um beide Handgelenke, bereit, um sich sofort auf Valkas zu schwingen und, wenn nötig, augenblicklich in die Richtung davon zu preschen, aus der er vorhin gekommen war.

Doch soweit sollte es nicht kommen müssen.

Etliche Elben traten aus dem Wald, viele diskutierten aufgeregt miteinander und tauschten überraschte Blicke aus.

Doch einer von ihnen, ein groß gewachsener Waldelb in einer grün-goldenen Rüstung, die ihn für einen Wissenden eindeutig als hochrangigen Soldaten des Waldlandreiches Thranduils auswies, trat zwischen ihnen hervor und kam auf Valimaro zu.

Schnell wichen anfänglicher Zorn und Argwohn aus dem Gesicht dieses Elben, als er schließlich Valimaro erblickte und überrascht ausrief:

Vali, kann das wirklich sein? Bist du tatsächlich zurückgekehrt?

Nach diesen Fragen beschleunigte der Elb seine Schritte und stand nur noch wenige Meter von Valkas und Valimaro entfernt, der immer noch nicht wusste, wie er die Lage einschätzen sollte. Doch erkannte auch er seinen alten Freund und Ziehvater Garadal wieder und schnell wichen die Gedanken der Flucht und Angst, an ihre Stelle traten nun Gefühle der Freude und Erleichterung.

Valimaro ließ die Zügel fallen und ging näher auf Garadal zu.

Die Mienen der beiden Elben hellten sich für jeden der anwesenden Waldelben sichtbar auf und die Atmosphäre auf der Lichtung, die vor wenigen Minuten noch zum Zerreißen gespannt gewesen war, löste sich jetzt spürbar auf.

Beide Elben lächelten einander zu und reichten sich die Arme, um einander berühren zu können.

Zunächst recht zögerlich, doch nach einem festen Armdruck zog Garadal seinen einstigen Schützling zu sich heran und umarmte Valimaro in tiefer Freundschaft und Liebe, die nur ein Vater für seinen Sohn empfinden kann.

In Sindarin flüsterte Garadal zu Valimaro:

Deine Mutter hat dich so sehr vermisst, sie wird überglücklich sein, ihren verloren geglaubten Sohn endlich wiederzusehen. Doch muss ich als Fürst meines Königs eines von dir wissen.“

Die letzten Worte verschluckte Garadal, als er sich von der Umarmung Valimaros löste und Tränen über seine Wangen liefen.

Für eine gefühlte Ewigkeit blickten sich die beiden Elben in die Augen, bis Garadal schließlich weitersprach: „Du weißt, du bist für alle Zeitalter aus dem Waldlandreich verbannt worden und nur das Ende deiner Suche erlaubt dir, den Zutritt wiederzuerlangen. Ich habe Befehl, dich sofort töten zu lassen, wenn du das Waldlandreich vorher betreten solltest.“           

 

Ende Kapitel II         

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Themenstarter Veröffentlicht : 11/04/2021 12:07 pm
Valimaro
(@valimaro)
Verwandter der Gefährten

Kapitel III - Die Ankunft

 

Valimaro ließ sich von den Worten Garadals nicht aus der Fassung bringen, wie der Fürst der Elbengarde vielleicht anfangs durch seine Warnung vermutet hätte.

Stattdessen deutete Valimaro auf eine der Taschen am Sattel von Valkas und sprach dann zu seinem Ziehvater:

Meine Wacht ist zu Ende, ich bin hierher gekommen, um mein Heimatrecht zurückzufordern, Vater.

Das letzte Wort sprach Valimaro nur zögerlich und erst nach einer kurzen, aber bewusst gesetzten Pause, aus.

Der Ausdruck auf Garadals Gesicht wurde ernster und für einen Moment lag die Spannung, die zuvor gelöst schien, plötzlich wieder spürbar in der Luft.

Doch dann trat der Fürst der Elbengarde ohne weitere Bemerkungen an Valkas heran und öffnete die rechte Satteltasche seitlich am Hengst.

Beim Anblick des Inhalts musste Garadal leicht schmunzeln.

Zufrieden und mit einem freundlichen Lächeln klatschte der Elb in die Hände und murmelte ein paar Worte in Sindarin, die nicht für jeden auf der Lichtung zu hören waren.

Valimaros Miene erhellte sich bei diesen Worten und er reichte Garadal erneut die Hand, dieser nahm die freundschaftliche Geste auf und umschloss nun mit seiner linken Hand die von Valimaro.

Zusammen ballten die beiden Elben ihre Hände zu Fäusten, während sie sich dabei tief in die Augen schauten, wissend, dass nun die Zeit der Heimkehr Valimaros angebrochen war.

Als sie ihre Hände voneinander lösten, wandte sich Garadal an die übrigen Waldelben, die immer noch völlig ahnungslos etwas abseits am Rand der Lichtung standen und der Szenerie scheinbar geräuschlos gefolgt waren.

Ich befehle euch, König Thranduil und Prinz Legolas darüber zu informieren, dass Valimaro, Wächter vom großen Grünwald, zurückgekehrt ist und um eine Audienz bei Hofe ersucht, um sein Recht auf Heimkehr einzufordern. Weiterhin untersteht Valimaro fortan dem Schutz der Garde des Waldlandreiches und ist sicher zu seiner Mutter, der Elbin Maneth, zu geleiten.“

Nach diesen Worten nickte Garadal seinem Gegenüber freundlich zu und machte sich daran, zu gehen, allerdings nicht ohne vorher noch ein paar letzte Worte an Valimaro zu richten:

Besuche zu allererst deine Mutter, sie gehört seit jenen Tagen zu den Ausgestoßenen unseres Reiches und lebt am Rande der Waldfestung, sehr einsam und abgelegen. Sie wird sich sehr freuen, ihren einzigen Sohn jetzt wiederzusehen. Wir reden später miteinander über deine weiteren Schritte.“

Mit einer fuchtelnden Handbewegung gebot der Fürst der Garde seinem einstigen Ziehsohn nichts weiter auf diese Worte zu erwidern, machte schließlich auf der Stelle kehrt und ging mit den meisten Waldelben zurück in den Wald.

Valimaro, der bei diesen Worten vieles hätte fragen können, verstummte, denn innerlich durchzog ihn ein stechender Schmerz beim den letzten Aussagen Garadals.

Lediglich die vier Bogenschützen, die Valimaro zuvor verlacht hatten, blieben mit ihm zurück auf der kleinen Lichtung und mussten kräftig schlucken, als ihnen plötzlich klar wurde, dass nun sie den Rückkehrer zu seiner Mutter führen mussten.

Wer das Waldlandreich der Elben nie mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich nicht im Geringsten vorstellen, was die Waldelben dort versteckt im Großen Grünwald, weit jenseits der nördlichen Ausläufer des Nebelgebirges, geschaffen haben.

Sie siedelten hier schon seit mehreren Zeitaltern und hielten sich stets im Verborgenen ihrer Bäume, abseits der wenigen Pfade, die sich wie ein Lindwurm durch den Wald schlängeln, oft verzweigen, um den ahnungslosen Wanderer dann doch in die Irre zu führen.

Diese List soll die vermeintlichen Feinde Thranduils tiefer in den Süden und fort von seinem Waldlandreich locken, denn nur das geschulte Elbenauge vermag, die wenigen Pfade seines Volkes tatsächlich zu entdecken.

Außerhalb der Grenzen Rhovanions ist das Heim der Waldelben dem Fremden nur als „Düsterwald“ bekannt, allerdings haben die Elben ihren Wald so nie selbst bezeichnet und auch Valimaro hielt stets den wahren Namen in guter Erinnerung, auch in dem Moment, als er den vier Waldelben aufmerksam das letzte Stück des Weges zum verborgenen Hain der Waldfestung folgte.

Der Einfluss elbischer Magie war hier deutlich spürbar, als die fünf Elben zusammen mit Valkas die ersten Baumreihen vor sich passierten und sich der Nebel der Täuschung allmählich legte.

Wie ein Schleier, der bei den Hochzeiten der Menschen das Antlitz der Frauen vor neugierigen Blicken verbarg, so schützte hier der Einfluss Thranduils und der ältesten Sinda die Waldfestung vor unerwünschten Besuchern und bösen Kräften von außen.

Die Macht des Königs schirmte diesen Ort ab und umhüllte ihn mit dichten Baumreihen, die für den menschlichen Geist nichts weiter waren als endloses Bäume, die sich scheinbar unendlich aufreihten, schließlich verdichteten und miteinander in der Ferne in einem undurchdringlichen Meer aus Grüntönen verschwammen.

Nur ein äußerst unnachgiebiger Narr hätte einen Fuß in Richtung dieser Baumketten gesetzt, die selbst für Valimaro vor so vielen Jahren den anfänglichen Eindruck erweckt hatten, als läge ein undurchdringbares Netz tausender Baumarten vor ihm, doch der Schein war trügerisch, das wusste er.

Als die Elben die ersten drei dichten Baumreihen hinter sich ließen, verschwanden die Bäume vor ihnen, die vor wenigen Augenblicken noch ein schier endloses Labyrinth vorausahnen ließen und gaben nun den Blick auf eine weite Flur zahlreicher, hoch gewachsener Büsche und Sträucher frei, die von der langsam untergehenden Sonne in goldgelben Farben leuchteten.

Mit kurzen Lauten, die an das Zwitschern mancher Vögel erinnerten, machten die vier Waldelben, die Valimaro und Valkas nun zu beiden Seiten flankierten, auf sich aufmerksam und gaben den übrigen Waldelben, die ihrerseits die Laute kopierten und anschließend aus den Gräsern rings herum in das Sichtfeld Valimaros traten, zu verstehen, dass sie sich den Toren der Waldfestung mit einem Gast näherten, dem Geleitschutz zu gewähren war.

Bei dieser Szene dachte Valimaro an die merkwürdigen Eigenheiten seiner Verwandten, den Nandor aus den südlichen Teilen des Grünwaldes, die, so erzählen sich die Elben aus den nördlichen Teilen des Waldes, über keine eigene Sprache verfügen und nur bei Gefahr, Angst oder Freude miteinander in Form von Lauten und Geräuschen miteinander kommunizieren.

Doch dann erblickte Valimaro das, wonach er sich so viele Jahre gesehnt hatte, die Ausläufer der Waldfestung, seiner Heimat des Waldlandreiches.

Prächtig und hoch waren die grünbraunen Mauern, die mit etlichen Moos- und zahlreichen Kräuterarten das Holz überwucherten, das die Grundlage der Feste bildete, die bereits so viele Jahrhunderte überdauert hatte.

Als die Elben sich dem Tor der Waldfestung näherten wurden eilig Worte in Sindarin mit den Wachen auf den Zinnen der Mauern gewechselt und Valimaro hielt Valkas nun fester an den Zügeln, da der schwarze Hengst beim Anblick der hohen Mauern und vielen Stimmen etwas nervös auf ihn wirkte und stockte.

Mit gutem Zureden konnte Valimaro sein treues Ross allerdings schnell beruhigen und zum Weitergehen ermutigen.

Im Vergleich zu den imposanten Mauern wirkte das Waldtor, trotz der vielen Jahre, die zwischen der abrupten Abreise und der Rückkehr Valimaros lagen, immer noch sehr klein und zerbrechlich. Es war gerade einmal groß genug, dass Valkas alleine und auch nur völlig unbepackt hindurch passte.

Kurz nachdem die Elben und der Hengst das Waldtor passiert hatten, stellten sich ihnen zwei der Torwächter in den Weg und geboten ihnen mit einer fuchtelnden Handbewegung, stehen zu bleiben.

Überrascht blickte Valimaro zwischen seinen Begleitern hin und her, doch diese grinsten nur und tauschten verstohlene Blicke miteinander aus.

Einer der Torwächter trat näher an Valimaro heran und sprach:

Ich muss euch ab hier die Waffen abnehmen, ihr dürft das Waldlandreich nur unbewaffnet betreten. Gebt ihr mir euren Bogen und die Schwerter freiwillig?“  

Nervös drehte sich Valimaro bei diesen Worten nach hinten um und musste mit ansehen, wie die Waldelben das Waldtor bereits verschlossen hatten und damit begannen, es von innen abzuriegeln.

In diesem Augenblick erkannte der von Heimatgefühlen überwältige Elb, dass er den Waldelben in die Falle gegangen war, denn nun gab es keinen Weg mehr zurück und ein Freikämpfen kam diesmal nicht für ihn in Betracht, auch, weil Valimaro hier kein Blut von Elben vergießen wollte.

Valimaro zog eine Augenbraue hoch und gab dem Torwächter, ohne ihn dabei auch nur eines Blickes zu würdigen, eine Frage als Antwort zurück:

Habt ihr so viel Angst vor mir, dass ihr mich entwaffnen müsst?

Der Torwächter spuckte bei diesen Worten auf den Boden aus und antwortete:

Wir fürchten euch nicht mein Herr, aber ich habe meine Befehle. Lasst euch die Waffen abnehmen und wir geleiten euch zu Maneth der Ausgestoßenen.

Bei diesen Worten zuckte Valimaro für alle sichtbar kurz zusammen und musste sich beherrschen, nicht die Fassung zu verlieren. Die Worte des Torwächters trafen den Elben tief in seiner Seele, denn niemals hätte er dieses Schicksal seiner Mutter auferlegen wollen, seine Hände ballten sich zu Fäusten.

Ein kurzes Nicken folgte, danach übergab Valimaro sein Schwert und seinen Bogen an die Wachen, die ihn nun etwas nervös umringten.

Gerade als Valimaro seinen Hengst weiter in Richtung des Hauses seiner Mutter führen wollte, schreckte der Elb plötzlich auf, als er die Stimme eines alten Bekannten von hinten vernahm:

Und nehmt dem Verbannten auch seinen Dolch ab, den er unter seinem Handgelenk versteckt. Mit diesem hat er vorhin eine meiner Wachen bedroht.

 

Ende Kapitel III

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Themenstarter Veröffentlicht : 11/04/2021 12:10 pm
Valimaro
(@valimaro)
Verwandter der Gefährten

Kapitel IV - Der Wächter

 

Baradan trat aus dem Schatten des Torhauses, dem Valimaro beim Überschreiten der Waldlandgrenze keinerlei besondere Beachtung geschenkt hatte, was offensichtlich ein Fehler gewesen war, wie er nun selbst einsehen musste.

Als sich ihre Blicke trafen, war es für Valimaro beinahe so, als wäre er plötzlich in die vergangenen Tage zurückkatapultiert, als sie zusammen von Garadal zu Wächtern ausgebildet wurden und das erste Mal durch die umliegenden Teile des Waldes gemeinsam auf die Jagd gingen. Für einen kurzen Moment dachte Valimaro zurück an die Bewährungsprobe, die sie einst zusammen durchgestanden hatten, Seite an Seite, um in die Grünwald-Garde aufgenommen zu werden.

In der Zeit zwischen zwei tiefen Atemzügen erinnerte sich der Elb an die schönen Zeiten seiner Jugend zurück und an die Erlebnisse, die Baradan und ihn miteinander verbanden.

Doch dann sprach der Wächter des Waldtores weiter und zerstörte diese glücklichen Gedanken Valimaros, der aus seinen Erinnerungen gerissen wurde und sich plötzlich wieder im Hier und Jetzt befand.   

Ich hätte nicht gedacht, dass du es noch einmal vagen würdest, einen Fuß in meine Heimat zu setzen. Und noch dazu, dass du dein eigenes Volk nach all den Jahren nun erneut mit Gewalt bedrohst, wo du es doch schon verraten hast.“

Baradan stellte sich neben den Torwächter vor Valimaro und bedeutete den übrigen Wächtern, dass sie sich entfernen sollten. Diese nickten kurz und machten sich dann daran, zurück zur Mauer zu gehen, natürlich nicht ohne auch die Waffen Valimaros mitzunehmen.

Die vier Waldelben, die Valimaro bisher begleitet hatten, schulterten auf ein weiteres Zeichen Baradans hin ihre Bögen und zerstreuten sich, bis sie aus dem Sichtfeld Valimaros verschwunden waren.

Dieser musterte Baradan aufmerksam und sprach dann zu ihm:

Deine Wachen sollten mich auf Geheiß von Garadal sicher zu meiner Mutter geleiten, warum schickst du sie nun fort?

Keine Begrüßung, keine Fragen, was in all den Jahren dem jeweils anderen widerfahren war, keine Freude, keine Freundschaft mehr, die die beiden miteinander verband.

Es standen sich hier zwei fremde Elben einander gegenüber, die einst aus Freundschaft zueinander gehalten hatten.

Davon war nun nichts mehr übriggeblieben, das fühlten beide, auch wenn sie es nicht offen aussprachen.

Baradan hielt dem Blick seines Gegenübers lange stand und antwortete schließlich:

Garadal mag der Fürst der Garde sein, aber die Späher vor dem Waldtor unterstehen meinem Befehl und ich wusste nichts davon, dass dich meine Wachen geleiten sollten.

Bei diesen letzten Worten funkelte ihn Valimaro mit seinen dunkelgrünen Augen wütend an, denn er log offenkundig.

Baradan wusste sehr genau, wieviel der Fürst der Garde, dem auch er unterstand, für Valimaro empfand und stets war der Wächter des Tores darüber informiert, wen seine Späher in das Waldlandreich eskortierten. Auch wenn er nicht persönlich auf der Lichtung gewesen sein mochte, seine Boten hatten Baradan mit Sicherheit sofort über die Ankunft Valimaros informiert.

Der Wächter des Tores verschränkte seine Arme und lächelte beim Anblick Valimaros.

Was willst du jetzt machen Valimaro? Möchtest du dich bei Garadal darüber beschweren, dass meine Späher nichts Wichtigeres zu tun hätten, als einen Verbannten zu seiner Mutter zu eskortieren? Du stehst bereits in der Waldfestung, hier brauchst du keinen Schutz mehr. Maneths Heim ist das letzte Haus, wenn du bei der ersten Weggabelung den linken Abzweig nimmst.“   

Valimaro nickte zum Dank, dann drehte er sich zu Valkas und sprach:

Ich habe nicht um diesen Geleitschutz verlangt, Baradan, aber mein Hengst muss versorgt werden, es war eine lange und beschwerliche Reise für Valkas und mich, wie du dir sicherlich vorstellen kannst.

Baradan schüttelte amüsiert den Kopf und sprach:

Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, schließlich habe ich mein Volk nicht verraten und wurde nicht verbannt. Deshalb weiß ich auch nicht, wo du all die Jahre dein bescheidenes Dasein gefristet hast.

Ein innerlicher Schmerz durchzog Valimaro bei diesen Worten, denn, auch wenn sie keine Freunde mehr waren, so verletzten diese Worte Valimaros Seele schwer und kränkten ihn sehr.

Nie hatte er sein Volk oder seine Heimat verraten und mit seiner Aussage machte Baradan deutlich, was wohl viele der Elben hier über ihn dachten. Lohnte es sich überhaupt, dafür zurück zu kommen? Nachdenklich senkte Valimaro den Blick zu Boden.

Doch dann trieb ihn der Gedanke nach seiner Mutter weiter an und er nahm entschlossen die Zügel des Pferdes in die linke Hand.

Er fuhr Valkas mit seiner freien Hand langsam über dessen schwarze Mähne und streichelte ihn dabei sanft.

Dann, ohne ein weiteres Wort auszusprechen, führte Valimaro seinen Hengst den Weg hinauf, vorbei an zwei weiteren Torwächtern und in Richtung der hohen Baumhäuser der Waldelben.

Nach wenigen Schritten drehte er sich nochmals zu Baradan herum, der immer noch mit verschränkten Armen an Ort und Stelle stand und Valimaro nachsah und sprach mit fester und kräftiger Stimme zu ihm, so laut, dass alle umstehenden Elben es mitanhören konnten:

Niemals hätte ich gedacht, dass du, mein Schildbruder, mich bei meiner Rückkehr so tief enttäuschen und verletzen wirst und mit deinen grausamen Worten das freundschaftliche Band, das uns als Wächter miteinander verband, zerstörst.

Nachdem er dies ausgesprochen hatte, holte Valimaro aus einer der Satteltaschen eine kleine Brosche hervor, die allen Wächtern des Grünwaldes gegeben wurde, wenn sie sich zu zweit im Kampf bei der Bewährung als Schildbrüder erwiesen hatten.

Für die Wächter des Grünwaldes gab es nichts Tieferes, als das Band zwischen zwei Schildbrüdern, die das erste Mal im Kampf Seite an Seite zusammengestanden hatten.

Niemals mehr ließen sich diese zwei Wächter im Stich oder vergaßen ihre Freundschaft über die Jahre. Zum Zeichen ihrer Verbundenheit wurden extra zwei silberne Schildbroschen geschmiedet, die identisch waren, als Wertschätzung der Wächter des Grünwaldes galten und die beide Schildbrüder als Symbol ihrer Freundschaft behielten. In beide Schildbroschen wurden die Namen eingraviert.

Diese Schildbrosche, die schon viele Jahre alt war, hielt Valimaro nun in seiner Hand, überlegte für einen tiefen Atemzug, ob es das Richtige war, entschied sich dann zu diesem Schritt und warf Baradan die Schildbrosche zu Füßen, sodass es jeder der anwesenden Elben mitansehen konnte.

Ungläubig und fassungslos starrte Baradan auf die Schildbrosche vor ihm herab und wusste nur zu gut, was Valimaro damit öffentlich zum Ausdruck gebracht hatte.

Der Elb war den Weg schon ein paar Meter weiter mit Valkas entlang geschritten, ohne sich noch einmal Baradan und den überrascht blickenden Torwächtern zu zuwenden, denn sonst hätte er wohl die stillen Tränen bemerkt, die dem Wächter des Waldtores beim Anblick der Schildbrosche langsam über seine Wangen liefen.

Lange sah Baradan seinem einstigen Freund Valimaro hinterher und versuchte, seine Gefühle zu unterdrücken. Erst jetzt dachte er zurück an die gemeinsame Ausbildung zum Wächter, daran, wie sie zusammen die äußersten Grenzen des Waldlandreiches bei ihren vielen Streifzügen auskundschafteten und daran, wie sie in vielen schweren Stunden Seite an Seite, nur geschützt durch den Schild des jeweils anderen, die Feinde ihres Volkes bekämpften und abends bei Wein über ihre Erfolge scherzten. Langsam beugte sich Baradan zum Boden, hob die Schildbrosche auf und wischte mit seinen Fingern Erdreste von dieser, während er mit seinen Fingern die feinen Linien seines Namens entlang fuhr, der auf der Schildbrosche eingraviert war.  

 

Ende Kapitel IV

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Themenstarter Veröffentlicht : 11/04/2021 12:13 pm
Valimaro
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Verwandter der Gefährten

Kapitel V - Der fremde Gast

 

Als sich die knarrende Holztür langsam öffnete, viel sein kalter Blick zuerst in den Raum, der nun viel größer wirkte, als er noch vor wenigen Augenblicken von draußen vermutet hatte.

Durch den kleinen Spalt lugte eine hübsche Elbin hervor, die den Fremden aufmerksam mit ihren grauen Augen verwundert anstarrte.

Als sich ihre Blicken schließlich trafen, nahm das Schauspiel im Schattenhain seinen Anfang:

„Cunivieth! Endlich habe ich euch gefunden!“

Der Namenlose streckte vorsichtig seine Hände nach der Elbin aus, eine freundschaftliche und vertraute Begrüßung, wie es schien.

Doch die Elbin, die nach seinen Worten etwas nervös wirkte, trat deutlich einen Schritt zurück und versuchte, das Gesicht des Fremden zu erkennen, die ausgestreckten Hände ignorierte sie dabei völlig.

Als er den Argwohn in den Augen Cunivieths aufblitzen sah, versuchte er sie zu beschwichtigen:

„Verzeiht mir, ich bin Garadal, Fürst der Garde des Waldes.“

Und wie er dies aussprach, gab er sich einen Namen und nahm die Kapuze seines schwarzen Mantels ab, sodass die Elbin sein Gesicht hätte erkennen können, wäre sie in diesem Augenblick nicht durch das grelle Sonnenlicht geblendet worden, das nun unnatürlich stark in den Raum fiel, obwohl die einsame Hütte weit abseits aller bekannten Wege tief versteckt im Wald an einem Ort lag, den nur wenige Waldelben kannten und der als Schattenhain bezeichnet wird.

Unwillkürlich trat die Elbin zwei weitere Schritte zurück in den Raum und gab dem Fremden unfreiwillig Platz, sodass dieser die Möglichkeit ausnutzte und einen Fuß zwischen die Tür bekam.

Mit der rechten Hand umfasste er den wackligen Holzrahmen derselben und ging zwei Schritte auf Cunivieth zu.

Diese wirkte nun völlig überrumpelt und spannte ihren Körper an, bereit sich zu verteidigen.

Sie trat drei weitere Meter zurück, um den Abstand zwischen sich und dem fremden Eindringling ihres Hauses zu vergrößern, dann sprach sie zu ihm:

„Niemand außer dem Königshaus weiß, dass ich hier, verborgen im Schattenhain, lebe.

Niemals kam ein Elb namens Garadal zu mir oder wurde vom König des Waldlandreiches zu mir geschickt.“

Cunivieth machte eine Pause und überlegte, wie sie die Situation nun für sich bewerten sollte.

Aufmerksam betrachtete sie die Erscheinung des Mannes, der vor ihr stand. Viel konnte sie dabei jedoch nicht erkennen.

Von Statur und Aussehen erkannte sie einen Elben mit langen, schwarzen Haaren, der zur Gänze in einen dunklen Mantel mit Kapuze gehüllt war und offensichtlich keine Waffen an sich trug, zumindest konnte sie keine an ihm entdecken.

Währenddessen löste der Mann, der sich Garadal nannte, allmählich seinen Mantel und gab sich durch die darunter aufleuchtende grün-goldene Waldlandrüstung zum Anschein als Fürst der Garde zu erkennen.

Dann nahm er sich einen der zwei Holzstühle, die im sonst eher leer wirkenden Raum herumstanden und stellte diesen so in den Eingangsbereich der Hütte, dass der Stuhl den Weg zur Tür versperrte.

Mit einer geschmeidigen Bewegung setzte sich der fremde Gast auf den Stuhl und blickte Cunivieth in aufrechter Sitzhaltung interessiert an.

Die klapprige Haustür stand immer noch offen.

Der Fremde bemerkte den schnellen Blick Cunivieths, der zur Tür und wieder zurück zu ihm huschte und lachte in sich hinein, dann sprach er langsam an sie gerichtet:

„Ihr habt natürlich Recht, ich komme heute zu euch, um mit eurer Hilfe das Waldlandreich und damit auch euer Heim hier….“

Er blickte sich im Raum um und unterstrich mit einer kreisenden Bewegung seiner Hand die folgende Aussage „…vor einem schlimmen Unglück zu bewahren, denn wir Elben sind alle in großer Gefahr.“

Cunivieth wirkte skeptisch bei diesen Worten und dachte für sich, warum nicht Prinz Legolas oder König Thranduil direkt zu ihr gekommen waren, so wie in den wenigen Malen zuvor, wenn die Sinda sie um Rat ersuchten oder sich nach dem Versteck der Steine erkundigten.

Der Mann in Cunivieths Heim erkannte das Misstrauen der Elbin und seufzte.

„Ihr glaubt mir nicht? Nun, dann werde ich euch wohl von der Wahrheit meiner Worte überzeugen müssen. Während mein König und sein Sohn beschäftigt sind, das Waldlandreich nach den Dieben abzusuchen, schickten sie mich zu euch, um euch in Sicherheit zu bringen. Ich wurde in das Geheimnis eurer Gaben eingeweiht und sollte euch schnellstmöglich aufsuchen, um euch in Sicherheit zu bringen und auch die Dinge, die ihr hier versteckt aufbewahrt.“

Aufgeregt wühlte der Fremde während seiner Worte in seiner linken Manteltasche und holte dann einen funkelnden, rosafarbenen Stein hervor, den er einmal emporhielt und dann zwischen sich und Cunivieth auf den Boden ablegte.

Dann wartete er ab und als er sah, wie Cunivieth reagierte, leuchteten seine Augen vor Freude, denn er wusste, dass er die Elbin von seinen Absichten überzeugt hatte.

Cunivieth begann ihrerseits in das Schauspiel des fremden Gastes einzusteigen und ging mit schnellen Schritten auf den wunderlich gezackten Stein am Boden zu, dabei mimte sie die neugierige Elbin:

„Woher habt ihr diesen Sternenstein bekommen und warum tragt ihr ihn bei euch?“

Der fremde Gast musste bei dieser Frage ein zufriedenes Lächeln unterdrücken und antwortete:

„Nun, ich musste etwas bei mir tragen, das euch von meiner Glaubwürdigkeit überzeugt und uns viel Ärger und Zeit erspart.“

Cunivieth nickte, dann hob sie den Sternenstein auf und steckte ihn rasch in eine ihrer vielen Taschen, die an ihrer Schürze hing.

Für den Bruchteil eines Herzschlags dachte sie für sich, dass dieser Stein leer war, als der Fremde erneut das Wort an sie richtete:  

„Ihr seid Cunivieth, die sehende Kräuterkundige aus dem Schattenhain. Ich bin gekommen, um euch im Namen meines Volkes zu beschützen.“

Als er dies sagte, erhob sich der Fremde vom Stuhl und deutete eine kurze Verbeugung seinerseits an.

Cunivieth tat es ihm gleich und machte einen Knicks in Richtung des Fremden.

Dann, mit einem bestimmenden Tonfall, sprach sie zu ihm:

„Ja, das bin wohl. Aber ich kenne euch nicht, Garadal, Fürst der Grünwaldgarde. Doch sagt mir, welches Unheil mir droht und ich werde entscheiden, ob ich euch und dem König helfen kann.“

Daraufhin schloss der fremde Gast kurz seine Augen und sprach dann laut und deutlich einen Namen aus: „Valimaro.“

Cunivieth tat überrascht und bedeutete ihrem Gegenüber, weiterzusprechen, was auch geschah.

„Ich brauche eure Hilfe, um das Schicksal von Valimaro zu erfahren, ich muss wissen, was dieser Elb in Zukunft machen wird, denn er ist der Dieb dieser Sternensteine und plant großes Unglück. Ich muss wissen, wo er ist und wie ich ihn vernichten kann.“

Aufmerksam war die Elbin seinen Worten gefolgt und blickte ihn schließlich mit ernster Miene an.

„Ich helfe euch.“, entgegnete sie ihm. 

 

Ende Kapitel V

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Themenstarter Veröffentlicht : 11/04/2021 8:59 pm
Valimaro
(@valimaro)
Verwandter der Gefährten

Kapitel VI - Das Wiedersehen

 

Bei dem Gedanken, seine Mutter gleich wiederzusehen, nach all den vielen Jahren, die seither vergangen waren, klopfte Valimaros Herz aufgeregt.

Wie würde sie auf seine Heimkehr reagieren? Was war ihr alles widerfahren?

Viele Fragen schossen dem Elben durch den Kopf und dennoch verlangsamte er seine Schritte merklich, denn nun ergriff die Aufregung Besitz von ihm.

Auch Valkas spürte, dass sein Reiter langsamer wurde und begann kräftig zu wiehern, wohl in der Hoffnung, endlich rasten zu dürfen.

Überrascht blickte Valimaro zu seinem Hengst und schüttelte den Kopf:

„Du musst etwas geduldig mit mir sein, mein alter Freund, ich bin etwas nervös vor dem großen Wiedersehen.“

Ein Mensch hätte wahrscheinlich wackelige Knie gehabt und vermutlich vor freudiger Erwartung gezittert, doch Valimaro war die Anspannung äußerlich nicht anzumerken, auch wenn er innerlich zerrissen war, ob vor Aufregung, Angst oder Schamgefühlen, das vermochte nur er selbst für sich zu wissen.

Und dann kam es in Sichtweite, das Heim der Maneth, am Ende der letzten Wegkreuzung, welche die zwei vor einer gefühlten Ewigkeit passiert hatten.

Baradan und Garadal hatten nicht viel durch ihre Worte erwarten lassen und so war es auch tatsächlich, denn das Haus von Maneth der Ausgestoßenen lag am äußersten Rand der Waldfestung, fast schon außerhalb davon.

Ein kleines, allerdings sehr ordentlich aussehendes Haus.

Nicht wie die übrigen Familien der Waldelben, die zumeist auf Baumhäusern in den Baumkronen wohnten, sondern ein Haus, das fest auf dem Waldboden stand und aus einfachem Holz gezimmert schien.     

Die Vorfreude Valimaros verschwand jedoch augenblicklich, als er mehrere, schwer bewaffnete Soldaten der Garde Thranduils erblickte, die vor dem Haus seiner Mutter postiert waren und die Tür mit ihren goldverzierten Speeren blockierten.

Es handelte sich dabei nicht um die Grünwaldgarde, die für den Schutz des Reiches verantwortlich war und von Garadal befehligt wurde, nein, diese Soldaten gehörten zur Leibgarde in den Hallen des Königs des Waldlandreiches, es waren die besten und wohlhabendsten Elben unter den zahlreichen Familien der Waldelben, die dort dienen durften.

Alleine ihre bloße, äußere Erscheinung machte den Unterschied sehr deutlich, denn alle Soldaten trugen leicht angelegte Lederharnische in rostbraunen Farben, die sich deutlich von jenen Rüstungen der Grünwaldgarde unterschieden, die grundsätzlich dunkelgrün oder grüngelb eingefärbt waren.

Diese Lederharnische der Leibwachen des Königs, die Valimaro zu Gesicht bekam, waren mit zahlreichen wunderschönen Blätterornamenten und Motiven des Waldes, wie beispielsweise Geweihen, verziert und machten die Zugehörigkeit zur Elite des Waldlandreiches für alle optisch deutlich.

Zusätzlich kennzeichnete der rote Saum, der unter der Lederrüstung hervorguckte, diese Wachen als bedeutende Mitglieder der Palastwache.

Zwischen diesen Soldaten stand ein hochgewachsener Elb mit langen, dunkelbraunen Haaren, die zu einem nach hinten geflochtenen Zopf zusammengebunden waren.

Valimaro wusste sofort, wer dort auf ihn wartete.

Es war Gelir, der befehlshabende Offizier der Leibgarde Thranduils, wenn sich Prinz Legolas nicht im Waldlandreich aufhielt.

Zögerlich stoppte Valimaro und überlegte kurz, was er nun machen sollte.

Doch dann wurde ihm diese Entscheidung abgenommen, als sich Gelir, der von einem seiner Wachsoldaten auf Valimaro aufmerksam gemacht wurde, zu ihm drehte und ihn dann zu sich heranwinkte.

Als Valimaro die kurze Strecke zwischen Gelir und sich zurückgelegt hatte, streckte er diesem seinen Arm zur Begrüßung aus.

Diese Geste wurde von Gelir erwidert und beide Elben begrüßten sich kurz und nickten sich zu.

Dann sprach der Befehlshaber der Leibgarde des Königs:

„Ich grüße euch Valimaro, ich habe Befehl, euch ohne Umwege in die Hallen des Königs zu führen, ihr erhaltet für euer Anliegen eine sofortige Audienz bei Hofe. Mein König erwartet, dass wir umgehend bei ihm vorstellig werden.“

Mit einer gleitenden Handbewegung deutete Gelir an, dass sie sich direkt auf den Weg zu den Hallen aufmachen sollten.

Valimaro schluckte bei diesen Worten, sollte es wirklich so sein, dass ihm zunächst nicht ein einziger Moment des Wiedersehens mit seiner Mutter vergönnt wurde?

Gelir machte sich schon bereit, zu gehen und die Wachen an der Haustür taten es ihm gleich.

Valimaro zögerte leicht, drehte sich zur Tür des Hauses herum und dann wieder zu Gelir, der bereits ein paar Meter weiter in Richtung der Hallen gegangen war.

Die Wachen folgten ihm. Dann sprach Valimaro in Richtung Gelir:

„Darf ich mein Pferd Valkas noch hier anbinden und versorgt wissen, bevor wir zu den Hallen aufbrechen? Dort ist kein Platz für ihn, wie ihr wisst.“

Gelir drehte sich zu Valimaro herum und die Wachen blieben augenblicklich stehen, abwartend, wie ihr Offizier auf diesen Einwand reagieren würde.

Nach einem einvernehmlichen Moment zwischen den beiden Elben antwortete Gelir, zunächst zu seinen Männern gewandt:

„Valimaro versorgt seinen Hengst Valkas und wird uns dann folgen. Geht voraus und informiert den Hof, dass wir bald eintreffen werden.“

Ohne weitere Kommentare schritten die Wachen an den beiden Elben vorbei, um diesem Befehl nachzugehen.

Dann, in einem flüsternden Ton, sprach Gelir leise zu Valimaro:

„Vali, ich gebe dir maximal zwei Minuten mit deiner Mutter, danach musst du mir versprechen, dass du von selbst aus dem Haus zu mir trittst. Viele Elben beobachten uns in diesem Moment und ich kann dann nicht länger auf dich warten. Das musst du mir versprechen.“

„Selbstverständlich Gelir, ich danke dir.“, antwortete Valimaro leise.

Schnell wickelte der Elb die Zügel von Valkas um einen der Holzbalken, sodass der Hengst ausreichend Freiraum besaß, um auf einem kleinen Stück neben dem Haus zu Grasen.

Während er ihn festzurrte und die Satteltaschen von ihm nahm, sprach Valimaro leise mit Valkas und ließ ihn wissen, dass sich seine Mutter schon gut um ihn kümmern würde, damit er seine Audienz im Thronsaal wahrnehmen konnte.

Als dies erledigt war, schritt Valimaro an Gelir vorüber zur Tür des Hauses und öffnete diese, ohne anzuklopfen, denn dafür war keine Zeit in der Eile.

Maneths Augen füllten sich sofort mit Tränen, als ihr einziger Sohn die Türschwelle übertrat und plötzlich in ihrem Heim stand.

Auch Valimaro konnte die glasigen Augen nicht verbergen.

Groß war der Sohn Maneths und seine pechschwarzen, schulterlangen Haare waren zu drei Zöpfen aufgeflochten, die nach hinten abfielen und von kleinen braunen Broschen gehalten wurden, auf denen Blättermotive eingelassen waren.

Seine helle Hautfarbe verlieh dem Elben etwas Makelloses und für Maneth stand das Ebenbild ihres Mannes vor ihr, den sie bereits für immer verloren hatte.

Ohne ein Wort der Begrüßung lief Valimaro auf seine Mutter zu, die einsam an dem langen Esstisch im Raum saß und umarmte diese in tiefer Liebe.

„Ich bin sehr stolz auf dich, mein Sohn, so wie auch dein Vater.“

„Ich habe dich sehr vermisst und bin so traurig, was sie dir wegen meiner angeblichen Verfehlung angetan haben. Das tut mir leid, Mutter. Ich werde dafür sorgen, dass du wieder ein Leben ohne Schande hier führen kannst.“

Bei diesen Worten sank Valimaro auf die Knie und umarmte seine Mutter noch fester, in dem Wissen, sich gleich wieder von ihr verabschieden zu müssen.

Ein Klopfen an der Tür zerstörte die Atmosphäre des Wiedersehens.

Valimaro wehrte sich unbewusst gegen das Lösen dieser festen Umarmung und ignorierte das erste Klopfen geflissentlich.

„Vali, du musst nun mit ihnen gehen, ich werde hier auf dich warten, ich habe solange gewartet und immer Hoffnung gehabt, da werde ich die wenigen Stunden, die jetzt noch vor mir liegen, auch noch auf dich warten können.“

Bei diesen Worten löste sich Valimaro zufrieden aus der Umarmung und blickte anerkennend zu seiner Mutter, die sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.

„Ich habe meinen schwarzen Hengst, sein Name ist Valkas, draußen vor dem Haus angebunden. Kannst du dich bitte um ihn kümmern? Er ist etwas müde und bräuchte frisches Wasser und vielleicht etwas Hafer, um wieder ganz zu Kräften zu kommen.“

Maneth nickte leicht und berührte mit der linken Hand das Kinn ihres Sohnes.

„Du hast immer noch dieselben klaren Augen deines Vaters und sie sind so grün, als hätte man die schönsten Blätter des Grünwaldes ausgesucht und in sie hinein gelegt.“

Valimaro lächelte bei diesem Vergleich und richtete sich auf.

Ein zweites, kräftigeres Klopfen war nun von draußen zu hören.

Die beiden Elben drehten sich zur Tür. Dann sagte Valimaro ernst:

„Ich beeile mich Mutter und dann können wir unser Wiedersehen in Ruhe begehen, ich habe dir so viel zu erzählen.“

Vorsichtig ergriff Valimaro die Hand seiner Mutter und küsste sanft deren Handrücken.

Dann machte er kehrt und schritt zur Tür hinüber.

Maneth sah ihrem Sohn nach und flüsterte mehr zu sich selbst:

„Und bleibe ruhig im Thronsaal und besonnen, erhebe nicht deine Stimme und kehre sicher wieder zu mir zurück.“

Mit einem tiefen Ausatmen öffnete Valimaro die Haustür und kam Gelir zuvor, der bereits vor ihm stand und gerade ansetzen wollte, um ein drittes Mal zu klopfen.

Valimaro ging stumm an ihm vorbei und signalisierte, dass er nun bereit zur Abreise war.

Gelir drehte sich zu ihm und beide Elben gingen nebeneinander den Weg in Richtung der Hallen des Königs.

Dann, ohne den Blick direkt gen Gelir zu richten, fragte Valimaro trocken:

„Nur so aus Neugierde Gelir, was hättest du eigentlich gemacht, wenn ich nach dem dritten Klopfen nicht aus dem Haus gekommen wäre?“

Gelir schmunzelte nur und antwortete nicht auf diese Frage.

Schweigend gingen die beiden Elben nebeneinander her und sprachen kein Wort mehr miteinander.   

Ende Kapitel VI

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Themenstarter Veröffentlicht : 17/04/2021 1:34 pm
Valimaro
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Verwandter der Gefährten

Kapitel VII - Die Königshöhle

 

Als die beiden Elben den Ostrand des Waldlandreiches erreichten, versuchte sich Valimaro auf das zu konzentrieren, was er dem König gleich vortragen wollte, um wieder in seiner Heimat willkommen zu sein und dem Schicksal zu entgehen, das ihm beim Scheitern dieses Versuchs bevor bestimmt sein würde.

Die hohen Steintore, unter denen rauschend der Nachtwaldfluss zu hören war, kamen nun in das Sichtfeld von Gelir und Valimaro, die während des ganzen Weges nicht ein einziges Wort miteinander gewechselt hatten, als wäre der zurückkehrende Elb ein Feind des Waldes, dem man nicht zu viele Informationen verraten wollte.

Die Hallen von König Thranduil waren ein weit verzweigtes Höhlensystem, das sich weit in die östlichen Waldhügel des Grünwaldes erstreckte und dabei nicht allzu tief in die Berge hi-nein reichte, wie es bei den Zwergen oder Orks der Fall gewesen wäre.

Niemand, bis auf das Königshaus selbst, wusste, wer die Höhlen einst in den Fels geschlagen hatte oder ob diese natürlichen Ursprungs waren und lediglich von den Waldelben in Besitz genommen wurden.

Allerdings boten die Hallen des Königs für das Volk Thranduils einen optimalen Schutz vor Feinden, falls sich das Waldlandreich einmal in großer Gefahr befinden sollte.

Begrenzt wurde diese „Königshöhle“, wie Bilbo Beutlin sie in seinen Schriften und Aufzeichnungen bezeichnet, durch den großen Nachtwaldfluss, der sich bis nach Esgaroth weit im Südosten erstreckte und den Waldelben vor allem als wichtige Handelsroute mit den dort lebenden Waldmenschen diente.

Der Nachtwaldfluss war an dieser Stelle nur über eine schmale Brücke zu überqueren, die von der Leibgarde Thranduils, den gleichen Soldaten, die vor Maneths Haus auf Valimaro gewartet hatten, bewacht wurde.

Die vier Soldaten, von denen jeweils zwei vor und zwei hinter der Elbenbrücke positioniert waren, machten keine Anstalten, die beiden Elben nicht über die Brücke ziehen zu lassen, sie rührten sich nicht einmal, als Valimaro sie mit einem kurzen Nicken anerkennend begrüßte.

Als die Elben auf Höhe der Mitte der Brücke standen, drehte sich Valimaro unwillkürlich nach links und war erstaunt von der wunderschönen Aussicht, die sich ihm plötzlich bot.

Breit und mächtig schlängelte sich der schnell fließende Nachtwaldfluss durch den Wald, der an beiden Ufern in großen Steilhängen nach unten abfiel und das Gewässer zu beiden Seiten begrenzte.
Valimaros Blick folgte dem Fluss Richtung Nordwesten, wo er schmaler wurde und schließlich in der Ferne verschwand. Weit im Westen konnte der Elb die Ausläufer des Grauen Gebirges erkennen, die mit ihren schneebedeckten Bergkuppen diesem Ausblick etwas Erhabenes verliehen.  

Allerdings war Gelir bereits weitergegangen und wartete dort sichtlich ungeduldig auf seinen Begleiter.

Auf der anderen Seite der Elbenbrücke wurde ein großes Fallgitter hochgezogen, das in den Stein eingelassen und mit vielen Blättermotiven und allerlei sonstigen Verzierung äußerlich beschmückt war, die den Grünwald repräsentierten.

Nachdem die zwei diesen ersten Abschnitt der Hallen hinter sich gelassen hatten, führte Gelir den Heimkehrer durch die lange Eingangshalle, die selbst jetzt, nach all den vielen Jahren, noch genauso viel Eindruck auf Valimaro machte, wie damals, als er sie zu seiner Anklage im Thronsaal das erste Mal aus nächster Nähe gesehen hatte.

Bei dem Gedanken, hierher gebracht worden zu sein, um dann verstoßen zu werden, verhärtete sich der Gesichtsausdruck des Elben und er dachte an das Unrecht, das ihm hier widerfahren war und welches er nun zwar nicht ungeschehen machen konnte, allerdings aufklären wollte.

Die Hallen des Königs waren, so erzählten sich die ältesten Sindar im Grünwald, den sagenhaften Hallen eines Elbenkönigs nachempfunden, dessen Namen Valimaro nicht kannte, der aber für die wissenden Elben Mittelerdes als weiser Herrscher Doriaths und Gemahl Melians bekannt war.

Zwar wirkten die Höhlen des Waldlandreiches bei weitem nicht so prächtig wie die Hallen Menegroths, dem ehemaligen Herzstück Doriaths, aber die Sindar, die einst unter Oropher, dem Vater Thranduils, hierher gekommen waren, taten alles Nötige, um diese Höhlen zu einem wunderschönen und belebten Ort zu gestalten, der einen Vergleich mit dem Schaffen ähnlicher Elbenreiche Mittelerdes nicht zu scheuen brauchte, auch wenn andere Elbenvölker aus Neid oder Unwissenheit etwas anderes behaupten mögen. 

Riesige Wurzeln verdichteten sich an den Wänden der zahlreichen Hohlräume, an denen die Elben vorbeischritten und sorgfältig waren nach wenigen Metern Öllampen zu erkennen, die bernsteinfarbig schimmerten und zusammen mit dem wenigen Tageslicht, welches durch kleine Spalten in den Steinen von oben herab schien, die Hallen ausleuchteten. In regelmäßigen Abständen waren diese Lampen zu beiden Seiten der langen Korridore angebracht, um den Elben hier den Weg durch die Hallen zu weisen. 

Nach zahlreichen Treppen und unzähligen Stufen, welche die Hallen Thranduils in mehrere größere Bereiche unterschiedlichster Nutzung unterteilten, erreichten die beiden Elben endlich den kunstvoll gestalteten Vorraum am oberen Ende der Höhlen, der unmittelbar vor dem Thronsaal des Königs lag.

Gelir blieb plötzlich stehen und blickte das erste Mal, seitdem ihm vor dem Haus von Maneth eine unbeantwortete Frage gestellt worden war, direkt zu Valimaro und sprach zu ihm:

„Wir sind spät dran Vali, ich werde dich nun zu König Thranduil geleiten.“

Nach diesen gewichtigen Worten öffnete der Elb die große Tür des Thronsaals und trat, dicht gefolgt von Valimaro, als Erster in den weitläufigen Raum, der das Zentrum der Macht im Waldlandreich symbolisierte.

Das Erste, was Valimaro ins Auge fiel, waren die zahlreichen hochrangigen Mitglieder der wichtigsten Elbenfamilien, die im Waldlandreich lebten und nun alle hier versammelt zu beiden Seiten des, für eine derartig hohe Anzahl an Elben doch recht klein wirkenden Raumes, aufgereiht waren.

Und alle waren sie gekommen, die Familien Silberzweig, Mondschein und Weißhaupt erkannte Valimaro zu seiner Rechten, die Familien Mohnkranz, Sternenschar und Nachtschatten   

zu seiner Linken. Auch die ihm zutiefst feindlich gesinnte Familie der Schwarzdorns war unter den anwesenden Elben und musterte ihn finster.

Ganz am Ende des Saals saß der Elbenkönig des Waldlandreiches auf seinem majestätischen Thron, der aus dem Stamm einer riesigen, weißen Buche geschlagen worden war und am Kopfende mit einem gewaltigen Hirschgeweih auf jeden Bittsteller imposant wirken musste.

Beim Anblick Valimaros richtete sich Thranduil etwas auf, ohne dabei seine bequeme Sitzhaltung merklich zu verändern oder gar aufzustehen.

Sein langes, seidig elfenbeinfarbiges Haar fiel dem König vorne und hinten über die schmalen Schultern und verlieh der äußeren Erscheinung des Sindarfürsten zusammen mit seiner Krone aus Buchenblättern und verschiedensten Waldbeeren, die er auf dem Haupt trug, besondere Eleganz und Anmut.

In seiner rechten Hand hielt Thranduil einen kunstvoll verzierten, weißen Eichenstab mit einem Hirschkopf an der Spitze, seine linke Hand ruhte regungslos auf einer der Armlehnen des gewaltigen Buchenthrones.

Die hellbraunen Augen des Königs musterten die eingetroffenen Elben und Thranduil gab Gelir das Zeichen, dass beide nun vor ihn treten sollten, in dem er sich kurz mit seinem Kopf nach vorne und wieder zurück bewegte.

Gelir folgte diesem stummen Befehl und schritt mit Valimaro im Schlepptau durch den Thronsaal auf den König zu, vorbei an allen neugierigen Augenpaaren der vielen Elben.

„Nun beginnt es also“, sprach Valimaro leise zu sich selbst und senkte aufgeregt den Blick zu Boden, damit er niemanden der Familien durch bloßes Anstarren verärgerte.           

Wenige Meter vor dem Buchenthron hielten beide Elben inne und knieten sich vor Thranduil nieder.

Die Audienz sollte nun beginnen.

 

Ende Kapitel VI

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Themenstarter Veröffentlicht : 17/04/2021 1:37 pm
Valimaro
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Verwandter der Gefährten

Kapitel VIII -  dýr athal

 

Bei den Worten Cunivieths entspannte sich die Haltung des fremden Gastes, der sich Garadal nannte, denn er wusste nun, dass er sein Ziel erreicht hatte.

Die Anspannung in ihm legte sich etwas und er wirkte sichtlich zufrieden und gelassen.

Die Elbin, die er nun als deutlich ruhiger empfand, nahm den zweiten Holzstuhl im sonst leeren Raum ihres Holzhauses und setzte sich dem Fremden gegenüber, sodass sie sich unterhalten konnten.

Mit ihren Gedanken war Cunivieth an einem anderen Ort und zum äußeren Anschein versuchte sie, ihre Nervosität und ihr Herzrasen vor ihrem Gast zu verbergen.

„Was kann ich also für euch tun?“, fragte sie ihn gerade heraus und versuchte, die Gesichtskonturen des Mannes zu erkennen, der sein Antlitz seit der flüchtigen Begrüßung an der Eingangstür, erneut unter dem schwarzen Gewandt verbarg, als würde er sich vor Cunivieth verstecken wollen.

Ihr Gegenüber legte den Kopf schräg und entgegnete der Elben prompt: 

„Ich brauche Einsicht in das Schicksal des Elben Valimaro und zwar dringend. Die Zeit eilt, Cunivieth.“

Die Elbin nickte ihm leicht zu und überlegte kurz, was sie ihm antworten könne, um etwas Zeit zu schinden, schließlich sprach sie:

„Nun, es wird eine Weile dauern, denn ich muss über diesen Elben meditieren und mir dazu ein paar Kräuter zusammenbrauen, die mir helfen werden, einen tieferen Einblick in sein Schicksal zu erhalten. Ihr könnt hier warten und solltet mich nicht dabei stören.“

Als sie dies sagte, versuchte Cunivieth, ihre Worte gelassen, doch gleichzeitig bestimmt, klingen zu lassen.   

Und in diesem Augenblick huschte ein Hauch von Misstrauen über die falsche Miene des Fremden, doch das konnte Cunivieth nicht sehen, denn seine Mimik blieb für sie im Dunkeln seiner schwarzen Kapuze völlig unbemerkt.

Ihr Gegenüber nickte ihr leicht entgegen.

„Ich verstehe, geht ruhig eure Kräuter mischen, ich will euch nicht dabei stören oder noch mehr Zeit vergeuden, wir müssen heute noch in das Waldlandreich zurückkehren.“

Mit einer einladenden Handbewegung deutete der Mann auf den hinteren Bereich des Raumes, an deren Wand ein Türrahmen eingefasst war, der einen Durchgang zu einem dahinter liegenden Bereich des Hauses erkennen ließ.   

Cunivieth erhob sich bei dieser Geste und ging langsam in Richtung ihrer Kräuterstube, wie sie stets zu sagen pflegte, ohne sich nochmals nach dem Fremden umzudrehen.

Dieser durchsuchte eilig mit seinen kalten Augen alle Ecken des Raumes und versuchte, einen Hinweis auf das zu erspähen, weshalb er eigentlich hier war.

Als Cunivieth aus seinem Sichtfeld verschwand, erhob sich der Fremde leise und tastete mit seinen Händen die Wände ab, als ob dahinter mögliche Hohlräume oder Verstecke angebracht wären.

Die Zeit verging.

 

Immer wieder überlegte er nachdenklich und angestrengt, wo sie hier nur verborgen sein mochten.

Und die Zeit verstrich.

Er legte sich zuletzt sogar seitlich auf den Boden des Hauses und horchte angestrengt, ob es womöglich einen Keller gab, wo sich hätte etwas unterbringen lassen.

Und die Zeit arbeitete für Cunivieth. 

Wo er dort so lag, allein und unbeobachtet, in dem sonst leeren Raum des Hauses, nistete sich ein schrecklicher Gedanke in seinen Verstand ein und seine Miene verhärtete sich augenblicklich zu einer finsteren Fratze.

 

Und die Zeit war abgelaufen.

Langsam und leise erhob sich der fremde Gast, der sich Garadal nannte und blickte böse zum türlosen Rahmen im hinteren Bereich des Hauses, wo Cunivieth vor einer geraumen Weile verschwunden war und von dem das Flackern eines warmen Feuers ausging.

Leise drang die Stimme von Cunivieth aus diesem Teil des Hauses an seine Ohren.

 

Dort sang die Elbin mit trauriger Stimme ein Lied, das niemandem außerhalb des Grünwaldes bekannt ist und das nur die Wenigsten unter den Waldelben kennen.

Doch diesen ist das Lied als das „Herz der Bäume“ bekannt, ein eigentlich fröhliches Liebeslied, das vom Suchen und Finden der Liebe im Nachtwald berichtet.

Aber niemals wurde es trauriger gesungen als in diesem Moment, als Cunivieth einsam in ihrer Kräuterstube stand und die Strophen vor tiefen Schluchzern fast verschluckte.

Als der fremde Gast auf einmal hinter ihr im Türrahmen stand, knarzte er absichtlich laut auf den Holzdielen, damit die Elbin seine Anwesenheit auch bewusst wahrnahm.

Doch Cunivieth kümmerte sich nicht um ihn, sie stand mit dem Rücken zur Tür, direkt vor dem großen Kamin und warf mit der linken Hand fast geräuschlos Gegenstände in das Feuer vor ihr.

Bei jedem weiteren Gegenstand schreckte das Feuer kurz auf, die Flammen leuchteten anschließend bläulich blass und wechselten dann in die bekannten rotgelben Farben zurück.

 

„Was tut ihr da?“, bemerkte der Mann erbost hinter ihr und trat zwei Schritte in den Raum.

Cunivieth hörte auf, zu singen.

Die letzten Tränen liefen ihr über die Wangen und tropften auf ihre Schürze nieder, dann schluchzte sie noch einmal kräftig, bevor sie ihm schließlich antwortete:

„Als ihr vorhin seinen Namen sagtet, da war ich mir ganz sicher.“

Der fremde Mann zog sich die Kapuze vom Kopf und streifte sich vorsichtig seinen Mantel ab, dieser fiel lautlos zu Boden.

Noch ein Gegenstand wurde in die Flammen geschleudert.

Das Feuer zischte laut.

„Wo sind die Steine?“, fragte der fremde Gast bestimmend.  

Seine Stimme klang nun deutlich lauter und er wirkte zu allem entschlossen.

„Ihr habt euch schon vorher verraten, wisst ihr das?“ Eine kurze Pause von zwei Herzschlägen entstand, als Cunivieth weitersprach:

„Denn niemals würde ein Elb den Wunsch äußern, einen seines Volkes zu Morden. Schon gar nicht die Sinda aus dem Grünwald.“

„Tretet sofort vom Feuer zurück.“, sprach der Fremde.

Der Mann ging zwei weitere Schritte auf Cunivieth zu.

Sie berührten sich nun fast.

„Ihr seid nicht Garadal, Fürst der Grünwaldgarde. Ihr seid ein Lügner und Mörder.“

 

Als sie diese Worte aussprach, drehte sich Cunivieth zum fremden Gast herum, der für sie nun keinen Namen mehr besaß.

Der Namenlose stand direkt vor ihr und sie konnte in seine kalten Augen blicken, sie waren pechschwarz ohne Iris, genauso wie die mondlose Nacht. Ein schwarzer Abgrund tat sich in seinen Augen auf.

Der Anblick des Fremden flößte selbst Cunivieth, die schon vieles Schreckliche dieser Welt gesehen hatte, furchtbare Angst ein.    

Der fremde Gast ergötzte sich an der Furcht der Elbin und lachte laut auf.

Doch diese Begeisterung kam abrupt zum Erliegen, als er sah, was Cunivieth in ihrer linken Handfläche fest umklammerte.

Ihr Blick folgte dem seinigen.

Nun war sie es, die lächelte. 

 

„Ich wusste sofort, warum ihr an meine Tür klopft. In all den vielen Jahren wart ihr nicht der Erste, der sich nach den Sternensteinen erkundigte, dýr athal.“

Eine kurze Pause entstand.

Dann sprach sie an ihn gerichtet weiter.

„Doch traf ich in all den vergangenen Jahren auf niemanden, der so moralisch verkommen war wie ihr heute.“

Fassungslos blickte der falsche Gast zum Sternenstein, den Cunivieth in ihrer Hand hielt und dann zum Feuer.

Dann folgte ein heftiger Schlag, anschließend ein lautes Krachen.  

Der Namenlose schleuderte Cunivieth mit einem Hieb seines Armes zur Seite und sie flog quer über den Tisch durch den Raum, der mit sämtlichen Flaschen und Phiolen vollgestellt gewesen war und landete schließlich auf der anderen Seite der Kräuterstube.

Ein wenig Blut lief ihr über die Stirn und tropfte leicht auf den Steinboden des Hauses.

„WAS HABT IHR DA NUR GETAN, ELBENWEIB?“, brüllte der falsche Gast entsetzt in die Flammen des Kamins hinein.

Das Feuer knisterte dabei ruhig weiter.

Cunivieth richtete sich wieder auf und wischte sich das Blut aus ihrem Gesicht.

Der falsche Gast sprach weiter, in ihre Richtung gewandt:

„Wie ist es euch gelungen, die Sternenstein zu verbrennen? Das ist unmöglich! Antwortet mir und ich werde eurem Leben ein schnelles Ende bereiten, ohne weitere Schmerzen für euch.“

Ihre Blicke trafen sich.

Mit fester Stimme antwortete die Elbin entschlossen:

„Ich bin Cunivieth, die Gelehrte und Sehende vom Nachtwald, ich muss mich nicht vor einem dýr athal erklären.“

Stolz war ihren Worten zu entnehmen.

Der falsche Gast legte den Kopf schief und starrte die Elbin fasziniert an, dann entgegnete er ihr:

„Ihr wisst nicht, wer vor euch steht, Cunivieth. Ich kann euch Qualen zufügen, die alles, was ihr bisher an Schmerzen ertragen habt, weit übersteigen.“

Die Elbin schüttelte sofort den Kopf.

„Niemals werde ich mich euch oder euren vermeintlichen Kräften beugen, dýr athal.“

Ein tiefes, düsteres Lachen erfüllte das Haus und drang tief in den Kopf der Elbin.

„Ihr habt mit eurem Kräutergemisch die Kraft des Feuers so verändert, dass die Flammen in der Lage sind, die Sternensteine zu zerstören. Ein feiner Trick. Wirklich bemerkenswert.“

Der Namenlose klatschte zum Spott in die Hände und schritt auf Cunivieth zu.

„Jetzt sagt mir endlich, wo ich die übrigen Sternensteine finde und ich werde euch von eurem Leid erlösen.“

Als der falsche Gast nur noch wenige Schritte von Cunivieth entfernt stand, griff diese in eine ihrer Schürzentaschen und schleuderte dem Fremden ein kleines Fläschchen, das randvoll mit einer dunklen Flüssigkeit gefüllt war, in sein Gesicht.

Das Glas zerbrach sofort und das Wasser entfaltete seine Wirkung.

Der falsche Gast schrie auf, als das Düsterwasser des verzauberten Waldflusses sein Antlitz benetzte.

„WAS IST DAS?!“

Er schleuderte mit den Armen um sich.

Dann hielt er sich die Hände vor die Augen und versuchte, sich die Flüssigkeit aufgeregt und panisch abzuwischen.

Das Düsterwasser zeigte Wirkung.        

Cunivieth nutzte diesen kurzen Moment, um aus dem gegenüberliegenden Regal eilig weitere Phiolen mit Düsterwasser zu entnehmen, dann sprang sie in wenigen Sätzen in Richtung des Fremden und warf ihm alle vorhandenen Glasphiolen auf seinen Kopf.

Die wenigstens trafen das Gesicht, viele zersprangen auf dem Boden oder verfehlten ihr Ziel und klatschten an die Wand hinter dem Namenlosen. Doch einige trafen ihn dennoch.

Der Namenlose schrie erneut auf und suchte mit seinen zugeschwollenen Augen die Elbin im Raum.

Diese stand dicht neben ihm und erkannte, dass nun ihr Moment zur Flucht gekommen war.

Unwillkürlich fielen ihr die Sternensteine wieder ein, die ihr Feind unter gar keinen Umständen in seinen Besitz bekommen durfte.

Schnell versuchte sie, zum Kamin zu gelangen, das Ziel war nahe.

In Sekunden wäre sie dort.

Doch dann packte er sie und warf sie vor dem Kamin auf zu Boden.

Er drehte sie in einer einzigen Bewegung auf den Rücken, sodass sie ihn deutlich über sich sehen konnte.

Anschließend drückte der falsche Gast die Elbin weiter nach unten und beugte sich triumphierend über sie, während er ihre Arme mit seinen Händen festhielt.

„Nun werde ich dir zeigen, was es heißt, wahrhaftige Schmerzen zu empfinden.“

Cunivieth spuckte dem Namenlos ins Gesicht und antwortete:

„Und dennoch werde ich meine Gabe und mein Wissen mit in mein Grab nehmen und ihr werdet auf ewig ein Getriebener sein, unwissend, welches Schicksal euch vorherbestimmt sein wird.“

Bei diesen Worten weiteten sich die dunklen Pupillen des Mannes und er wusste, dass sie Recht behielt.

Doch dann legte er langsam seine Handflächen um den Hals der Elbin und sprach:

„Aber wenigstens kann mir euer Geist die Standorte der Sternensteine verraten, die ihr noch zu beschützen versucht.“

„Niemals, das werde ich euch niemals verraten.“

„Ihr müsst auch gar nicht zustimmen, Cunivieth, denn wisset dies, törichtes Elbenweib, nicht nur ihr habt Gaben, ich kann mich eurer Gedanken bemächtigen mit einem feinen Trick.“

 

Der Namenlose drückte seine Knie auf die ausgestreckten Arme der Elbin und schloss die Handflächen fest um ihren Hals, ohne sie dabei zu würgen.

Dann murmelte er wenige Worte in einer Sprache, die noch nie zuvor in Cunivieths Heim ausgesprochen worden waren.

Die Elbin erkannte die Sprache und versuchte, sich zu wehren, doch die Umklammerung des Namenlosen war zu stark.   

Dann nahm er auch schon die Handflächen von Cunivieths Hals und an ihre Stellen traten nun kreisförmige Male, welche die Haut an diesen Punkten dunkelrot verfärbten.

Ein starker Schmerz durchzog den Körper der Elbin, die allerdings nicht aufschrie, sondern sich gegen das Eindringen in ihren Geist zur Wehr setzte.

 

Der fremde Gast betrachtete das Leid Cunivieths und sprach gelangweilt:

„Wehrt euch nicht, einfältige Cunivieth, es hat keinen Sinn und bereit euch nur noch größere Qualen auf dem Weg in euer Grab.“

Der Namenlose erhob sich und stellte sich über die sich am Boden windende Elbin, er lächelte zufrieden.

Währenddessen krümmte sich der Körper Cunivieths vor Schmerzen und sie spürte, wie die Stimme des Namenlosen langsam in ihren Verstand eindrang und von ihren Gedanken Besitz ergriff.

Sie wehrte sich. Mit jeder Faser ihres Geistes.

Doch der Schmerz ließ sie kaum noch einen klaren Gedanken fassen.

Ausgeliefert drehte sie ihren Kopf unter großen Anstrengungen in die Richtung der Eingangstür.

Der falsche Gast holte die letzten Sternensteine aus den Taschen der Schürze und trat vor den Kamin.

Dann flog plötzlich die hölzerne Eingangstür auf und begleitet vom ersten Schimmer der Dämmerung stand er da, Valimaro, der Wächter vom Großen Grünwald in stählerner Pracht.

Er wusste sofort, was er zu tun hatte.

 

Valimaro hastete mit erhobenen Schild quer durch den Raum, direkt in die Kräuterstube Cunivieths und rannte mit voller Wucht seines Schildes gegen den falschen Gast, der sich gerade überrascht nach dem Elben umgedreht hatte und nun von diesem in den Kamin geschmettert wurde.

Die Flammen erloschen kurz, als der falsche Gast in sie hineinflog.

Dunkelheit herrschte augenblicklich im Haus.

Doch dann loderte das Feuer umso gewaltiger wieder auf und der Namenlose stieg gebadet in einem Flammenmeer aus dem Kamin.

Aber es waren keine Schreie von ihm zu hören.

Valimaro beugte sich über Cunivieth und hielt in Abwehrhaltung seinen gewaltigen Schild über die Elbin und sich, der beide vorerst von den Flammen abschirmte.

Feuer preschte gegen den Schild des Elben und der falsche Gast versuchte, das Schild am oberen Rand aus Valimaros Händen zu reißen.

Dieser drückte sich gegen die Kraft des Namenlosen und ließ sich nicht entmutigen.

„Was seid ihr nur für eine Art Feind.“, brüllte Valimaro unter seinem Schild in Richtung der Flammen.

„Dein Letzter.“, antwortete der Namenlose gereizt.

Die Zeit verging nicht.

Valimaros Kraft begann, zu schwinden und er drehte den Kopf hinunter zu Cunivieth, die apathisch dicht neben ihm zappelte und nicht ansprechbar schien.

Erschrocken bei diesem Anblick war der Elb kurz unkonzentriert.

Ein Ruck folgte und das Schild flog quer durch den Raum, jetzt stand der flammende Namenlose vor den beiden Elben, bereit, beide in einem Flammenmeer zu verschlingen, das ihn vollständig umgab.

Ohne einen weiteren Gedanken zu verlieren, zog Valimaro sein Schwert, trat einen Ausfallschritt nach vorne und stach dem Namenlosen in den von Flammen umhüllten Körper.

Tief drang dabei seine Klinge und Valimaro musste sein Gesicht wegdrehen, um nicht selbst von der Hitze oder gar den Flammen erfasst und verbrannt zu werden.

Der falsche Gast taumelte nach hinten.

Valimaro drückte sich vom Griff des Schwertes nach hinten ab und schubste sein Gegenüber dadurch ein Stück weiter nach vorne.

 

Die Zeit verging nicht.

Hastig wandte sich der Elb ab vom falschen Gast und kniete sich dicht neben Cunivieth, um diese vorsichtig auf seine Arme zu schieben und dann nach draußen tragen zu können.

Schnellen Schrittes trug Valimaro Cunivieth vor die Haustür und blickte ein letztes Mal zurück zum Haus.

Durch die Eingangstür konnte der Elb weiter hinten erkennen, dass die gesamte Kräuterstube in Flammen stand und das Feuer bereits die äußeren Wände auf das Dach hinaufkroch.

Er legte Cunivieth sanft auf eine kleine Grasstelle vor der Tür nieder und stützte mit seiner rechten Hand ihren Nacken. 

„Vali, Vali, Vali…“, die Elbin verschluckte aufgeregt die Worte und versuchte, den Elben mit zittrigen Händen zu berühren.

Valimaro drückte Cunivieth vorsichtig an sich, unwissend, was mit ihr geschah.

„Nein, …., nein…“, flüsterte die Elbin aufgeregt zu ihm.

„Die Schmerzen, ich habe fürchterliche Schmerzen.“

Die letzten Sätze sprach die Elbin etwas deutlicher aus.

Die Zeit arbeitete gegen Cunivieth.

„Ich weiß nicht, was ich machen soll, sag mir was ich tun muss.“, brachte Valimaro voller Angst und Sorge hervor.

„Er weiß schon zu viel, zu viele Gedanken.“

Cunivieth nahm eine Hand Valimaros und führte sie zu ihrem Hals.

Erst jetzt bemerkte der Elb die roten Kreise auf ihrer Haut.

„Was hat er dir bloß angetan? Ich weiß nicht, ob ich dich so schnell in das Waldlandreich tragen kann.“

Der Vorraum des Hauses stand nun in Flammen.

Valimaro blickte zurück.

„Zu viele Gedanken, ich werde sterben.“

Bei ihren letzten Worten drückte Valimaro die Elbin fester an sich, in dem Wissen, völlig hilflos zu sein.

Verzweiflung ergriff nun Besitz von ihm.

„Zu viele Gedanken, ich sterbe.“, brachte die Elbin erneut hervor.

„Was soll ich denn nur machen?“, fragte der Wächter voller Angst in die Dämmerung.  

Langsam wog der Elb seine Freundin in seinen Armen auf und ab und voller Panik liefen die Tränen seine Wangen hinunter.

„Die Schmerzen, er weiß zu viel.“, sprach die Elbin mit brüchiger Stimme.

Mit ihren letzten Kräften löste sich Cunivieth aus den Armen des Elben und blickte ihn ernst an.

„Die Steine. Du musst sie finden, vor ihm. Ich habe ihm noch nichts über sie verraten.“

Valimaro drehte sich erneut zum Haus.

„Er ist tot, du wirst sehen, es wird alles wieder gut werden.“

Cunivieths Augen wurden bei seinen Worten größer.

„Nein, er ist nicht tot, er weiß bescheid, er weiß gleich über die Steine bescheid.“

„Was soll ich machen?“, fragte Valimaro verzweifelt und berührte die Wange Cunivieths.

Ein Lärm war von Süden her zu hören, aus dem Valimaro vorhin zu Cunivieth geeilt war.

„Bitte erlöse mich, bevor er alles weiß.“, flüsterte die Elbin ruhig.

Verwundert blickte der Elb zu Cunivieth, die sich nun etwas aufrichtete und seinem Blick entschlossen stand hielt.

Valimaro schüttelte deutlich den Kopf.

„Ich sterbe Valimaro. Ich habe furchtbare Schmerzen.“

Tränen liefen dem Elben bei ihren Worten schneller über sein Gesicht und tropften auf Cunivieth nieder.

„Tu es bitte, ich muss sterben, er weiß schon zu viel. Ich darf ihm nicht auch noch alle Geheimnisse verraten. Die Steine darf er nicht finden. Ich habe die meinen alle zerstört.“

Was soll ich denn nur ohne dich machen?“, fragte Valimaro ängstlich.

Die Zeit war abgelaufen.

Cunivieth wölbte erneut ihren Körper vor Schmerzen.

„Die Schmerzen, diese Schmerzen. Hilf deinem Volk. Hilf mir, bitte. Schnell.“

Das Haus stand nun völlig in Flammen.

Die Stimmen waren nur noch wenige hundert Meter von den beiden Elben entfernt.

Ein letzter Blick zwischen ihnen.

Dann legten sie kurz ihre Köpfe an der Stirn aneinander und schlossen für einen flüchtigen Herzschlag gemeinsam ihre Augen.

Beim nächsten Herzschlag nickten sie einander zu und Valimaro suchte immer noch verzweifelt nach einem Ausweg,  den es nicht gab.

Tu es, Valimaro. Jetzt.“, sprach die Elbin schließlich.

Der Wächter des Grünwaldes schloss voller Angst und Trauer erneut seine Augen und zog Cunivieths Körper dicht an sich heran, während er mit der anderen Hand einen seiner Dolche tief in die Brust der Elbin bohrte.

Es war schnell.

Die Leiden Cunivieths hatten ein Ende.

Die Leiden Valimaros sollten mit diesem Dolchstoß nun beginnen.

Mit den letzten Worten flüsterte Cunivieth dem Wächter noch etwas in sein Ohr, das nur für ihn bestimmt gewesen war.

Dann wich das Leben aus ihr.

Valimaro, der sah, dass das Licht in den Augen Cunivieths erloschen war, gab seinen Gefühlen freien Lauf.

Er weinte.

Voller Trauer und ungeachtet der Elben, die nun auf den schmalen Weg vor das brennende Haus getreten waren.

Zuerst Baradan, sein Schildbruder.

Gefolgt von Garadal, dem Wächter der Grünwaldgarde und viele weitere Waldelben kamen dazu, die die Rüstungen der Wächter der Grünwaldgarde angelegt hatten.

Was sie sahen, war ein trauernder Elb mit blutverschmierten Dolch in der einen Hand, der sich auf seinen Knien über den Leichnam einer Elbin beugte, die sie noch nicht erkannten.

Und als die sichtbaren roten Ringe am Hals Cunivieths nach ihrem Dahinscheiden verschwanden, mochte es den Anschein haben, hier wäre ein großes Unrecht geschehen.

Denn kein Lebewesen war dort, um die Geschehnisse bezeugen zu können.

Und keine Schuld wog im Waldlandreich schwerer, als der Mord an einem Waldelben.

Hart würde das Urteil in den Hallen des Königs ausfallen.

Doch das alles war Valimaro in diesem Moment nicht klar, mehr noch, es war ihm gleichgültig.

Er dachte in diesem Augenblick nur an Cunivieth und wog ihren Körper sanft und vorsichtig in voller Trauer in seinen Armen und schmiegte sich an ihn.  

 

Ende Kapitel VII.

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Themenstarter Veröffentlicht : 18/05/2021 4:20 pm